Elisabeth Shaw

Elizabeth Shaw (1920-1992)

Geheimnis und Zauber der Kunst von Elizabeth Shaw haben sich in Bilderbüchern, Illustrationen, Karikaturen, Zeichnungen und Vignetten entfaltet. Bis heute fasziniert die Ausstrahlung ihrer Grafiken, verführen ihre Werke zum Nachdenken, Schmunzeln und Träumen. Die Poesie der Arbeiten traumwandelt sicher auf dem Grat zwischen augenzwinkernder Komik und großem Ernst. Mit Tusche und Feder und ein paar Aquarellfarben schuf sie mit klarem Strich und in meisterlicher Vereinfachung der Form Bildgeschichten, die Beobachtetes und Ersonnenes der großen und der kleinen Welt heiter und hintergründig pointierten.

 

 

In ihrem Werk fand der unnachahmlich trockene Humor der satirischen Grafik Großbritanniens zusammen mit deutschen Traditionen, die geprägt wurden u. a. von Wilhelm Busch und Erich Ohser (e. o. plauen). Entstanden ist eine Bilderwelt, in der fabulierend in einer stets wachen Phantasie Allzumenschliches und Märchenhaftes ihre heitere und tragikomische Seite zeigen. Für unsere Ausstellung konnten wir eine schöne Auswahl aus allen ihren Schaffensbereichen treffen.

Geboren in Belfast, war Elizabeth Shaw nach ihrem Kunststudium schon in den 1940er Jahren in London erfolgreich als freie Grafikerin tätig. 1944 heiratete sie den im Londoner Exil lebenden Maler und Bildhauer Rene´Graetz und kam mit ihm 1946 in das ihr fremde und vom Krieg zerstörte Berlin. Politisch engagiert und Anteil nehmend hat sie aus dem Blickwinkel der Ausländerin den Zustand und die Widersprüche der hoffnungserfüllten Nachkriegszeit Deutschlands in Ihren Karikaturen u. a. für den „ Vorwärts“ und den „ Ulenspiegel“ illustriert. Mit ihrem satirischen Temperament entlarvte sie die Polemiken der politischen Gegner im beginnenden Kalten Krieg. Sie blieb mit ihrer Familie in Berlin und wurde – wie sie in ihrer Autobiografie schrieb „ Zeugin des Aufbruchs und des Untergangs der DDR“. Als Pressezeichnerin und Illustratorin setzte sie ihre künstlerische Arbeit fort. Hinzu kamen nun zahlreiche Bildgeschichten zu Begebenheiten des Alltags, in denen sie in den menschlichen Unvollkommenheiten und den kleinen Eitelkeiten mit der Freimütigkeit des Herzens begegnete. Bürokratie und Philistertum entlarvte Elizabeth Shaw mit einer Frische, die nie der Routine erlag. Nicht immer arbeitete sie an blattfüllenden Zeichnungen. Oft sind es kleinformatige Vignetten, in denen ihr anschauliches Nachsinnen über die Prüfungen des Lebens, über Empfindungen, Sehnsüchte und Ängste die adäquate Form fand.

 

Berühmt waren ihre Reiseskizzen für das „Magazin“, in denen sie seit den 1960er Jahren nicht nur ihre Impressionen von Städten des östlichen Teils von Deutschland, sondern auch – dank ihrer britischen Staatsbürgerschaft- von London, Paris, Venedig und New York festhielt. Aus einem Porträtauftrag der Akademie der Künste wurde ein Bilderbogen von Schriftstellern, Künstlerkollegen und Musiker, denen sie bei allem angelsächsischen Bildwitz ihre Verehrung bekundete. Ende der 1970er Jahre entstanden Lithografien mit Szenen von beflissenen Ausstellungsbesuchern, bemühten Kunststudenten beim Aktzeichnen oder von Tagträumern unter Paradiesbäumen und am Meeresstrand.

Ihre von der Phantasie beflügelte Vorstellungskraft prädestinierte sie geradezu, Illustrationen für Zeitschriften des Kinderbuchverlages zu Schaffen. Diese Blätter lassen zugleich ihre zeichnerische Lust und das Ergriffensein durch die Geschichten erkennen. Wie selbstverständlich steht in ihren Bildererzählungen Wirkliches neben Phantastischem. Sie erzählen lebensnah von lapidaren, abenteuerlichen und geheimnisvollen Situationen, in die Kinder geraten, in die sie sich wünschen oder träumen. Dabei begab Elizabeth Shaw sich auch in den Bereich der Tierfabel und übertrug menschliche Eigenschaften oder Haltungen etwa auf ein schlaues Füchslein, eine strebsame Mausefamilie, ein ängstliches  Häschen, den bösen Wolf oder auf ein schwarzes Schaf. Ihre kluge Weltsicht , Lebensweisheit und ihr Ernstnehmen des Kinderdaseins ließen sie Texte und Illustrationen für Bücher erfinden, die von Kindern wie Erwachsenen bis heute geliebt werden.

Biografie

1920 in Belfast, Irland geboren # 1938-1940 Kunststudium an der Chelsea School of Art, London, u. a. bei Graham Sutherland # 1944 Heirat mit dem deutschen Bildhauer und Maler Rene Graetz ( 1908-1974 ), der zu dieser Zeit in London im Exil lebte # freischaffende Grafikerin # 1946 Übersiedlung nach Berlin, seitdem Arbeit für Zeitschriften und Verlage # ab 1962 Städtereisen mit Berta Waterstradt für die Zeitschrift „Das Magazin“ # 1963 erscheint ihr erstes Kinderbuch „ Der kleine Angsthase“, es folgen 22 weitere Bücher, für  die sie Texte verfasste und Illustrationen anfertigt # mehrere Auszeichnungen „ Schönstes Buch“ (u.a. 1966 für die Illustrationen zu Bertolt Brecht „Ein Kinderbuch“ und 1972 für „Zilli, Billi und Willi“)# ab 1963 Reisen nach Westeuropa, USA und Afrika # 1981 Käthe-Kollwitz- Preis der Akademie der Künste Berlin # 1990 erscheint ihre Autobiografie „Irish Berlin“/“Wie ich nach Berlin kam“ # 1992 in Berlin verstorben

Kabinettausstellung – Zeichnungen aus den Kinderbüchern

In einer Kabinettausstellung zeigen wir die Originalillustrationen von Elizabeth Shaw für die Kinderbücher „Der kleine Angsthase“, 1963: Zilli, Billi und Willi, 1972; Der scheue Schneck, 1983 und Das kleine schwarze Schaf, 1985. Diese Arbeiten sind unverkäuflich.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich die Kinderbücher für meine eigenen Kinder geschrieben hätte, aber als ich damit anfing, waren sie bereits über das Bilderbuchalter hinaus. Als ich das erste Mal nach einer Idee suchte, dachte ich daran, wie ich als Kind gewesen war, wie oft ich Angst vor etwas hatte, und so schrieb ich Der kleine Angsthase. – Ich dachte daran, wie sehr ich mir einen Garten gewünscht hatte, als wir noch in Belfast lebten, so entstand Gittis Tomatenpflanze.

Häufig trug ich den Gedanken an ein Thema oder an eine Figur lange mit mir herum, ehe daraus ein Buch wurde. Meistschrieb ich sehr moralische Geschichten, weil ich diesen missionarischen Eifer verspürte, der mich zur politischen Karikatur gebracht hatte. Ich wollte ganz bestimmte Werte wie Mut, Freundlichkeit und die Vorstellung vermitteln, dass man nicht nur für sich selbst lebt. Kinder haben ein ausgeprägtes Gefühl für Gut und Böse und einen starken Gerechtigkeitssinn, bis die Welt der Erwachsenen diese Werte durcheinander bringt. Einige meiner Geschichten sollen einfach nur Spaß machen, weil Erwachsene häufig so ernst sind, und Kinderlieben nun mal Spaß. Einmal sah ich in einem Modehaus einen alten Italiener, der neben seinem Enkelkind saß und ein Buch von mir übersetzte. Beide lachten herzlich, was mich glücklich machte...

aus: Elizabeth Shaw, Wie ich nach Berlin kam, Aufbau- Verlag Berlin und Weimar 1990