Lona Rietschel

Die Mutter der Abrafaxe
"Der gute Geist mit Herz im Verlag"                                     

Nach einer Kindheit im brandenburgischen Reepen, heute Rzepin in Polen,  lernte Lona Rietschel, geboren am 21. September  1933, an verschiedenen Fachschulen fünf Jahre Modegrafik und später Zeichentrick: "Als ich anfangen wollte praktisch zu arbeiten, zog das DEFA-Zeichentrickfilmstudio von Babelsberg bei Berlin nach Dresden, ich mußte aus persönlichen Gründen in Berlin bleiben. Einige Zeit arbeitete ich als Modellschneiderin an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin,  doch dann kam ich zum Mosaik als Zeichnerin."

Heute ist sie fünfundsechzig und entließ gerade ihre Zeichenkinder in die Volljährigkeit: die Abrafaxe, ihre Geschöpfe, die im Januar 1996 dreifach zwanzigsten Geburtstag begingen. Lona Rietschel hatte sie im Jahr 1975 zur Welt gebracht. Geburtswehen bereitete anfangs die Abnabelung vom Vater der Digedags: "Die Korrekturen, mit denen uns Herr Hegenbarth immer in seinem Rahmen gehalten hatte, waren ja dann weg; aber es ging erstaunlich gut. Wir waren versierte Zeichner. Es war ein leichtes und gutes Arbeiten, angenehm nachher, als wir unsere Linie gefunden hatten."

Ein Leben für das MOSAIK scheint Lonas Berufung, denn vor den Abrafaxen lagen für sie bereits fünfzehn Jahre im Hause Hegenbarth. In einer Zeit, als bilderhungrige Kinder von der Ostsee bis zum Erzgebirge allmonatlich den neuesten Abenteuern der Digedags im Alten Rom entgegenfieberten, schloß sie erste Bekanntschaft mit dem MOSAIK: "1958 hab` ich mich mal dort vorgestellt. Bis dahin kannte ich das MOSAIK überhaupt nicht. Es war ja am Kiosk kaum zu kriegen und zu sehen. Mir gefiel die Arbeit sehr gut und ich hatte so eine Hoffnung - da möchte ich gern mal einsteigen."

Doch das Team um Hannes Hegen war damals optimal besetzt und funktionierte nach gerade einem Jahr kollektiver Arbeitsteilung gut. Erst als Nikol Dimitriadis, der mit Horst Boche um den Rang des am vielseitigsten einsetzbaren Spitzenzeichners konkurrierte, im März 1960 in den Westen flüchtete, bot sich für die junge Modellschneiderin die erhoffte Chance. Zwei Jahre nach ihrer ersten Vorstellung konnte sie im Mai 1960 als figürliche Zeichnerin die freie Stelle besetzen. Auf den Zeichentischen des Kollektivs erhielten damals gerade die im Alten Ägypten spielenden MOSAIKS 46 und 47 den letzten Schliff, so daß die neue Grafikerin erste Spuren ihres zeichnerischen Könnens in den ab Ende 1960 ausgelieferten Heften hinterlassen konnte. Porträt, Figuren, Bewegung und Mimik wurden ihr Ressort. Es war nur natürlich, daß auch sie, wie übrigens jeder neue Zeichner, sich nicht völlig dem charakteristischen Strich der Bleistiftvorzeichnungen Hannes Hegens anpassen konnte und wollte. Wenn sie die Digedags zeichnete, bemühte sie sich besonders um nuancenhafte Veränderung der Mimik: "Ich habe versucht, sie ein bißchen lieber zu machen, daß sie nicht so böse aussahen."

Im Gegensatz zu ihrem Kollegen Horst Boche, der sich meistens akribisch an ganzen Seiten aufhielt, beschäftigte sie sich lieber mit dem Animieren möglichst vieler Figuren, darunter besonders gern mit den jeweiligen Haupthelden und -bösewichtern von Ritter Runkel über die Teufelsbrüder bis Don Ferrando, ihrem persönlichen Favoriten. Zugute kamen ihr dabei die sich perfekt ergänzenden Ausbildungsgänge Modegrafik und Zeichentrick, sowie die Erfahrungen aus ihrer Tätigkeit als Modellschneiderin. Neben einem Gespür für Physiognomie und Gestik war die kleidungsmäßige Darstellung von bewegten Figuren ihr treffliches Metier. Das unterschied sich von der eher statisch zeichnenden gelernten Kostümbildnerin Edith Hegenbarth. Wenn es um flatternde oder wehende Schritte ging, darum, wie eine Naht liegt oder ein Saum bei veränderter Stellung fällt, immer dann wußte Lona Rat und ist bis heute unübertroffen in der Ausführung. Leider war es ihr während der Ära Hegenbarth nicht vergönnt, eigene Figuren zu entwerfen und einzubringen. Hier stieß sie an die Grenzen der Arbeitsteilung im Karlshorster Atelier. Das schöpferische Entwerfen der Figuren oblag einzig und allein Edith und Johannes Hegenbarth, was sich nach deren Kündigung ändern sollte. Das Titelbild des Januarheftes 1976 zierten die von Lona Rietschel entworfenen und gezeichneten Abrafaxe! Die Chefredaktion hatte nach dem Auslaufen des Vertrages mit dem Autor der Digedags das Zeichner-Kollektiv des MOSAIK mit der Entwicklung neuer Figuren beauftragt , worauf Horst Boche, Lona Rietschel und Irmtraut Winkler-Wittig erste Ideenskizzen vorlegten. Lonas Entwürfe entsprachen dabei am besten der verbalen Charakterisierung und fanden nach etlichen Diskussionen und Veränderungen schließlich die ungeteilte Zustimmung des Kollektivs. Dank ihres Talents in figürlicher Grafik hatte sich Lona zur bestimmten Figurenschöpferin entwickelt und ist bis heute die "federführende" Zeichnerin der ausschließlich mit Bleistift und Pinsel erstellten Mosaikbilder von den unglaublichen Reisen der Abrafaxe durch Zeit und Raum. In umgekehrter Reihenfolge der üblichen Lesart gilt ihre besondere Liebe übrigens dem leicht rundlichen Califax, dann dem Denker Brabax und erst danach dem Draufgänger Abrax. Zweifellos sympathische Mutterinstinkte, die hier in der persönlichen Bevorzugung des bei der verbalen und grafischen Geburt vielleicht etwas benachteiligten Califax ihren liebenswerten Ausdruck finden: "Der Kleene!". Lona Rietschel ist auch heute noch im Verlag tätig. Immer wieder versuchte Hegen das Mosaik mit den Abrafaxen als Plagiat verbieten zu lassen. Was er zu DDR Zeiten nicht schaffte, gelang ihn auch nicht nach der Wende. Der letzte Prozeß wurde im Sommer 1995 in dritter Instanz vor dem Bundesgerichtshof verloren. Als Bücher sind inzwischen folgende Titel erschienen; "Die Abrafaxe in Frankreich", "Hollywood PURSUIT" die Abrafaxe in Amerika; Neue Wege versucht der Verlag mit neuen Abenteuern der Abrafaxe. Bei der Arbeit entstehen immer wieder neue Ideen, die in den Büchern; "Die Kleiner Detektive", "Machs noch einmal Roben" und "Nett Generation" angeboten werden. Inzwischen wird ganz intensiv an einem Trickfilm mit den Abrafaxen gearbeitet, der im Dezember 1999 seine "Welturaufführung " haben soll. Das Mosaik mit den Abrafaxen erscheint monatlich im Verlag "Steinchen an Steinchen " in Berlin

Hurra wir leben noch.